Literaturempfehlungen

Sabine Klotz (Hrsg.), Zeichen des Aufbruchs. Kirchenbau und Liturgiereform im Bistum Augsburg seit 1960, Kunstverlag Josef Fink Lindenberg 2018, 342 S., geb. (ISBN 978-3-95976-096-6)

Es ist schon ein wahrhaft gewichtiger Band im doppelten Sinne, den die Diözese Augsburg als Frucht ihres Aschermittwochs der Künstler 2015, dem Jahr der 50. Wiederkehr des Konzilsendes des II. Vatikanischen Konzils hier vorlegt. Die Frage nach dessen Einfluss auf die Bautätigkeit mündete in eine Ausstellung, die noch bis zum 18. März 2018 im Diözesanmuseum St. Afra zu sehen ist und findet ihren Niederschlag in den Reflektionen dieser Publikation.

Frau Sabine Klotz, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Abteilung Kirchliches Bauwesen und Kunst, hat neben der Herausgeberschaft zwei Aufsätze beigesteuert („Form und Emotion“ – Der Kirchenbau im Bistum Augsburg seit 1960 und „Bauen im Bestand“), sie führte aufschlussreiche Interviews mit dem Architekten Robert Gerum (Jg. 1929) und dem Prälaten Dr. Eugen Kleindienst, ehem. geistlicher Botschaftsrat, Generalvikar und Finanzdirektor der Diözese Augsburg. Schließlich ist sie auch die Autorin des 47 Beispiele umfassenden Katalogteils, unterteilt in Neubauten (1-39) und Bauen im Bestand.

Frau Barbara Lukats aus der Bauabteilung widmete sich den umfangreichen Biographischen Recherchen, die den schon durch reiche und qualitätvolle Bebilderung (überwiegend von Siegfried Wameser, München) ausgezeichneten Kunstband zu einem praktischen Nachschlagewerk erweitern.

Weitere lesenswerte Aufsätze lieferten der Diözesankonservator Dr. Michael Schmid, der Liturgiewissenschaftler Winfried Haunerland, Dr. Walter Zahner und die Bauforscherin Elke Hamacher.

Zum Stichwort Veränderungen werden vier konkrete und anregende Beispiele von Raumverkleinerungen bis hin zu liturgischen Neuordnungen (zwischen 2001 und 2016) vorgestellt.

Alles in allem: Eine Frucht, die sicher gern geerntet und genossen wird. (U. Schmalstieg, 02-2018)

Bischöfliches Generalvikariat Fulda (Hrsg.), Anne Gathmann. Statik der Resonanz, Kerber Verlag Bielefeld 2017, 104 S., 46 Farb- und 30 Schwarzweißabb. (ISBN 978-3-7356-0379-1)

Textbeiträge von Bischof Heinz Josef Algermissen, Dr. Sami Khatib, Dr. phil. Hanne Loreck, Marcus Steinweg, Dr. Anna-Lena Wenzelungen.

Die Diözese Fulda dokumentiert hiermit ihren erneut hochrangigen Beitrag zur internationalen Kunstausstellung Documenta in Kassel, der im vergangenen Jahr vom 25.5.- 23.9.2017 als Rauminstallation in der Elisabethkirche gegenüber dem Fridericianum zu sehen war. Diözesanbaumeister Dr. Burghard Preuseler und Projektleiter Christoph Baumanns verfolgen seit 2002 zusammen mit dem Stadtdechanten einen leisen aber unbeirrt konsequenten Weg, die Kirche mit ins Gespräch der regelmäßig iederkehrenden Kunstpilger zu bringen. Dabei können sie sich auch der Unterstützung ihres Bischofs Algermissen gewiss sein, der sich während der vorhergehenden Documenta 13 engagiert in die Kontroverse um den „Mann im Turm“ von Stephan Balkenhol eingeschaltet hatte. „Die Kirche gehört zu den ältesten Kulturträgern: Sie regt die Menschen an, über den Tellerrand der alltäglichen Sorgen und Bedürfnisse das Leben in seiner Tiefendimension in den Blick zu nehmen, in den Höhepunkten wie in den Abgründen nach dem zu suchen, was Sinn und Orientierung gibt.“, so die Kirchengemeinde St. Elisabeth auf ihrer Internet-Seite.

Anne Gathmann spannte in den asketisch kargen Betonbau der St. Elisabethkirche ein 600 kg schweres, aus einzelnen Aluminiumstäben bestehendes Band -gleich Klangstäben eines überdimensionalen Metallophons aufgereiht-, das sich mit optischer Leichtigkeit vom First über der Orgelbühne bis hin zum Altar schwang. Auf diese Weise versetzte sie den ganzen Raum in eine neue, ungeahnte Dynamik.

In der Publikation wird diese Kasseler Arbeit zugleich mit dem früheren Werk der Künstlerin, das sich vorwiegend derartigen Rauminterventionen widmet in Beziehung gebracht.

Eine Veröffentlichung zum Erinnern, Vertiefen und eigener Inspiration. (U. Schmalstieg, 02-2018)

Iris Nestler (Hrsg.), Meisterwerke der Glasmalerei des 20. Jahrhunderts im Rheinland

Band I, B. Kühlen Verlag Mönchengladbach 2015, 248 S., geb., mit farbigen Abbildungen (ISBN 978-3-87448-393-3)

Meisterwerke der Glasmalerei des 20. Jahrhunderts in den Rheinlanden, Band II, B. Kühlen Verlag Mönchengladbach 2017, 288 S., geb., mit farbigen Abbildungen (ISBN 978-3-87448-480-0)

Die Kosten für derartige Kunstbände bleiben trotz finanzieller Förderung aus vielen Töpfen für den Bücherfreund recht hoch, bei diesem Schwelgen in Farben und Formen wird sich die Ausgabe aber nachhaltig lohnen. Ähnlich wie im Orgelbau gehören die deutschen Glaswerkstätten zu den international nach wie vor gefragtesten. Man nimmt die beiden Bände immer wieder gern zur Hand, da die Namen der Künstler (von Thierry Boissel, Marc Chagall, Paul Corazolla über Dieter F. Dohmes, Kim En Joong, Georg Meistermann, Franz Pauli, Jochem Poensgen bis hin zu James Rizzi, Emil Wachter und Anton Wendling) ebenso locken wie die von Fachleuten beschriebenen Kontexte und Hintergründe der Glasfensterzyklen, die sich im Original ja nur selten so detailliert wie hier betrachten lassen. (U. Schmalstieg, 02-2018)

Bezirksamt Reinickendorf von Berlin, Alt-Hermsdorf 35, 13467 Berlin (Hrsg.), Heike Ruschmeyer. Das andere Land, Katalog, Berlin 2015, 103 S.

Textbeiträge: Cornelia Gerner, Sven Drühl, Regina Jerichow, Michaela Nolte, Claudia Wangerin u. Paritätischer Wohlfahrtsverein.

Heike Ruschmeyer (Jg. 1956) war eine der vier Künstlerinnen, die den erst- und bisher auch einmalig vom Bistum Hildesheim ausgelobten Bernward-Kunstpreis im Bernward-Jubiläumsjahr 1993 erhielt. Ich nenne sie die „Malerin der Opfer“, der gewaltsam zu Tode gekommenen Menschen. Die dem Katalog zugrundeliegende Ausstellung (15.92015-31.1.2016) zeigte ihr neueres Werk, das –meist in Schwarzweiß gemalt-, Tatorte terroristischer Gewalt (Serie Schwarz auf Weiß), Folgen von Anschlägen auf Asylanten-Unterkünfte, vermisste Kinder aber auch die konsequente Fortführung ihrer Monolog-Serie (Ziff. CXLIII von 2014), dokumentiert und die Opfer so dem Vergessen zu entreißen versucht. Den Katalog durchziehende Textbeiträge regen an zur eigenständigen Auseinandersetzung mit der künstlerischen Seite im Werk Heike Ruschmeyers aber auch zur inhaltlichen mit diesem anderen (Deutsch-) Land, dessen dunkle Seite wir zu oft und zu schnell vergessen oder verdrängen wollen.

Ein intensives Gespräch, das ich mit der Künstlerin im Herbst führen konnte, ist derzeit in Vorbereitung zur Veröffentlichung bei meinen Künstlerinterviews. (U. Schmalstieg, 02-2018)

Ralf Schlüter/ Stephan Winter (Hrsg.), Kirchen im Umbau. Neue Nutzungen kirchlicher Räume im Bistum Osnabrück, Verlag Dom Buchhandlung, Osnabrück 2015, 119 S. geb. (ISBN 978-3-925164-74-3)

Der Diözesan- und Dombaumeister sowie der Liturgiereferent unserer Nachbardiözese Osnabrück haben einen aufschlussreichen Bild- und Textband über den dortigen kreativen Umgang bei der Anpassung überkommener Kirchbausubstanz unterschiedlicher Zeiten an heutige veränderte gesellschaftlich-kulturelle Rahmenbedingungen vorgelegt. Es geht um Umbauten und Umnutzungen verschiedenster Räume.

Im einem Vorwort benennt Bischof Franz-Josef Bode die Ermöglichung von Aufbruch statt Verwaltung des Abbruchs als handlungsleitendes Ziel. Zwei Grundsatzartikel der Herausgeber bieten unter der Überschrift "Gebauter Glaube?!" Vergewisserungen aus architektonischer und theologischer Sicht.

Anschließend werden auf 85 Seiten zwölf ausgewählte, gebaute Ergebnisse von der Journalistin Susanne Haverkamp in Text und vom Fotografen Hartwig Wachsmann im Bild vorgestellt. Ein Sonderfall an Umnutzung ist das in enger Kooperation mit den Mauritzer Franziskanerinnen aus einem alten Verwaltungsgebäude der Offiziersmesse zu einem Kloster umgebaute Esterwegen. Alle anderen Maßnahmen verändern mehr oder weniger die ursprünglich rein sakralen Nutzungen der Kirchengebäude, indem sie Funktionen mit Nachbargebäuden kombinieren oder neue hereinnehmen, ohne jedoch den Kirchenraum ganz aufzugeben. Vielerorts scheint augenblicklich der Mehrzweckraum durch die Hintertür zurückzukehren.

Es gibt ein Kolumbarium, ein "Haus im Haus" für die Jugend, Kindertagesstätten rücken näher zur Kirche oder es entsteht wie in Bremen St. Michael ein Stadtteilzentrum mit Kapelle. Sehr lebendig liest sich, wie die verantwortlichen Gremien oder SeelsorgerInnen mit den meist zunächst ungeliebten Herausforderungen umzugehen lernten. Nicht weniger groß, aber oft beachtlich im Ergebnis, waren die Herausforderungen für die verschiedenen beauftragten Architekten und Künstler. Gerade unter gestalterischem Blickwinkel macht sich hier offenbar die enge Kontaktpflege bezahlt, die im Bistum Osnabrück alljährlich bei der Tagung in Georgsmarienhütte zum "Nikolaustreffen" greifbar wird.

Ein Buch, das mancher Gemeinde realisierbare Perspektiven anschaulich machen kann, die an einer baulichen Veränderung ihrer Kirche nicht mehr vorbeikommt und keinesfalls den Abbruch oder die Profanierung möchte. (U. Schmalstieg, 02-2016)

Johanna Anders, Neue Kirchen der Diaspora. Eine Studie zu den Kirchenneubauten nach 1945 im nordhessischen Teil des Bistums Fulda. Kassel University Press GmbH, Kassel 2014, 211 S., auch als digitale Ausgabe erhältlich. www.uni-kassel.de/upress

Die zugrundeliegende Dissertation der Autorin fügt der umfangreichen Literatur über den Kirchenbau des 20. Jahrhunderts einen unverzichtbar wertvollen Mosaikstein hinzu. Denn die weiten Diasporagebiete Norddeutschlands, ebenso übrigens die des Ostens, sind bisher Stiefkinder der Forschung gewesen. Durch den Zustrom Heimatvertriebener nach dem II. Weltkrieg war gerade dort die Bautätigkeit überaus umfangreich. Insofern ist beispielsweise die Bearbeitung der Themenkreise Kapellenwagenmission, Barackenkirchen und Fertigteilkirchen von berechtigtem Interesse, das bei der Lektüre auch nicht enttäuscht wird. Sogar Hildesheims Fertigteilkirchen der ersten Generation (Typen A-C) sind in die Analyse einbezogen worden.

Frau Anders nähert sich der Fülle gebauter liturgischer Ordnungen im klar abgesteckten geographischen Raum anhand zweier Betrachtungskriterien: der Kombination des Baukörpers mit einem Glockenträger bzw. -turm und den mannigfaltigen Grundrissformen. Ersteres Kriterium greift bei den in überragender Mehrheit rechteckig errichteten Kirchenbauten. Diese werden gliedert nach Kirchen ohne Glockenturm bzw. mit integriertem, vorgestelltem, aufgesetztem, angegliedertem und freistehendem Glockenträger oder -turm. Die weiteren Kirchen werden nach einem jeweils kurzen allgemeinen Überblick als oval, trapezoid und parabolisch, rund, quadratisch, kreuzförmig und polygonal vorgestellt.

Der nützliche Schlussteil des Buches enthält u. a. einen Katalog von 107 alphabetisch nach Orten gelisteten Kirchen mit Adress-, Platz- und Architektenangabe, Weihedatum und Status (z.B. Pfarr- od. Wallfahrtskirche). Auf diese Weise ist der Leser eingeladen, die Objekte in Natura aufzusuchen und sich einen persönlichen Eindruck zu machen.

Eine derart grundlegende Forschungsarbeit ist für den Diaspora-Kirchenbau unseres Bistums Hildesheim leider immer noch ein Desiderat. Nicht nur deshalb ist dem Buch eine große Leserschaft zu wünschen. Auch die qualitätvolle Bebilderung in schwarz-weiß ist bemerkenswert. (U. Schmalstieg, 02-2016)

Kirche am Meer. St. Marien in Schillig, Bischöfllicher Offizial und Weihbischof Heinrich Timmerevers (Hrsg.), dialogverlag Münster 2012, 56 S.

Neubauten von Kirchen sind angesichts schwindender Gemeindegrößen vor allem in Norddeutschlands Hinterland eine Rarität. Die Nordseeküste als eines der bevorzugten Urlaubsziele macht da eine Ausnahme. Eine Präsenz der Kirche durch qualitativ gut gestaltete Räume hat hier einen tiefen Sinn. Zur Stille zu finden in Urlaub oder Kur oder die Mitfeier der Gottesdienste in ständig wechselnden Zusammen-Setzungen anderer Mitglaubender sind am Meer eine willkommene Freizeitmöglichkeit.

Das Offizialat Vechta, dem Bistum Münster zugeordnet, hat in Schillig, unweit des riesigen Campingplatzes, mit dem Neubau der St. Marienkirche einen unübersehbaren Akzent gesetzt. Schon von der äußeren Silhouette und vom Material des doppelt gebrannten Backsteins her ragt der in geschwungener Kreuzform errichtete Neubau aus dem Gewohnten heraus.

Das Kölner Architektenehepaar Ilse und Ulrich Königs hat damit nach Regensburg- Burgweinting, St. Franziskus zum zweiten Mal einen Kirchbau-Wettbewerb für sich entscheiden können. Erneut sind die intensiven Vorstudien zur Lichtführung durch das Dach ein entscheidender Faktor, der zur Faszination eines so noch nie gesehenen Sakralraumes beiträgt.

Die kurz nach der Einweihung erschienene Festschrift lässt viele am Kirchbau Beteiligte zu Wort kommen. Daneben tragen vor allem die Abbildungen und Bauschnitte sowie nicht zuletzt der Grundriss dazu bei, die Hinter- und Beweggründe zu verdeutlichen. Dem Besucher wird so im Nachgang das nachhaltige Begreifen dieser überraschenden Architekturkonzeption ermöglicht. (U. Schmalstieg 02-2016)